In den letzten Jahren hat es einen regelrechten Pilger-Boom gegeben und das nicht ohne Grund. Bei einer Pilgerwanderung kann man Geschichte und Kultur erleben, sich drau\u00dfen an der frischen Luft bewegen und mit jedem Schritt ein bisschen mehr zu sich selbst finden.<\/p>\n\n\n\n
Auch in Japan gibt es einige Pilgerwege zu entdecken. Ich besch\u00e4ftige mich zwar schon seit vielen Jahren mit dem Thema Religion in Japan, aber mit Pilgerschaften hatte ich mich bisher noch nicht eingehender auseinandergesetzt. Und das, obwohl ich auch schon viel in Japan gewandert bin. Es war also an der Zeit, diese beiden Interessen zusammen zu f\u00fchren und mehr \u00fcber die Faszination des Pilgerns zu erfahren.<\/p>\n\n\n\n
Einer der bekanntesten Pilgerwege Japans ist der etwa 1.200 km lange Shikoku Henro<\/strong> (\u56db\u56fd\u904d\u8def, auch Shikoku-Pilgerweg genannt), der einmal rund um die Insel Shikoku, einer der vier Hauptinseln Japans, f\u00fchrt. Wer diesen Weg beschreitet, wandelt auf den Spuren des legend\u00e4ren M\u00f6nchs Kobo Daishi Kukai (\u5f18\u6cd5\u5927\u5e2b\u7a7a\u6d77). Er f\u00fchrt zu 88 Tempeln und anderen heiligen St\u00e4tten<\/strong>, an denen er im 9. Jahrhundert gewirkt haben soll. <\/p>\n\n\n\n
W\u00e4hrend die meisten japanischen Pilgerwege zu einem heiligen Berg f\u00fchren oder sich auf die Verehrung eines bestimmten Buddhas konzentrieren, dreht sich beim Shikoku Henro alles um Kukai, der unz\u00e4hlige Wundertaten vollbracht haben soll. So soll er etwa Kranke geheilt, zahlreiche Br\u00fccken und Brunnen erbaut und unz\u00e4hlige Tempel im ganzen Land errichtet haben. Obwohl einige seiner Leistungen mit hoher Wahrscheinlichkeit in das Reich der Legenden geh\u00f6ren, ist Kukai bis heute anerkannt als einer der bedeutendsten Denker und religi\u00f6sen Figuren Japans.<\/p>\n\n\n\n
Aber das Wichtigste sei die Herzlichkeit der lokalen Bev\u00f6lkerung. Auf Shikoku gibt es in Verbindung mit dem Pilgerweg eine ganz besondere Kultur der Gastfreundschaft, osettai<\/em> <\/strong>(\u304a\u63a5\u5f85) genannt.<\/strong> Es kommt h\u00e4ufiger vor, dass den Pilgern Kaki-Fr\u00fcchte, Snacks, Getr\u00e4nke und in manchen F\u00e4llen sogar ein bisschen Geld zugesteckt wird,<\/strong> um sie auf ihrer Pilgerschaft zu unterst\u00fctzen. Es gibt in manchen Orten sogar eigens Vereine, um diese Kultur zu pflegen. Urspr\u00fcnglich hatte das Ganze eine religi\u00f6se Bedeutung. Es wird geglaubt, dass Kukai die Pilger w\u00e4hrend ihrer Pilgerwanderung st\u00e4ndig begleitet, daher wird ihnen von den Gl\u00e4ubigen derselbe Respekt entgegengebracht, den sie dem ehrw\u00fcrdigen M\u00f6nch selbst entgegenbringen w\u00fcrden, in der Hoffnung, dadurch Kukais Segen zu erhalten. Bis heute tragen die Pilger Papierstreifen mit sich, die sie als Talismane an die Menschen verteilen, die ihnen auf ihrer Pilgerschaft helfen. <\/strong>Heutzutage spielt dieser Glauben allerdings eine untergeordnete Rolle und die meisten Anwohner freuen sich einfach dar\u00fcber, dass Besucher aus dem ganzen Land und manchmal sogar aus dem Ausland zu Besuch kommen.<\/p>\n\n\n\n
Herr Morton erz\u00e4hlte mir eine Anekdote, wie er einmal mit ausl\u00e4ndischen G\u00e4sten auf dem Pilgerweg ging, als ihnen eine Frau ein Netz mit zwei Kilo Orangen in die Hand dr\u00fcckte. Nat\u00fcrlich konnten sie nicht alle selber essen, also stellten sie sich an einen Supermarkt und verteilten sie an die Menschen, die aus dem Supermarkt heraus kamen. \u201cNicht nur die Anwohner helfen den Pilgern,\u201d sagte mir Herr Morton mit einem L\u00e4cheln im Gesicht, \u201cauch die Pilger helfen den Anwohnern. Und das macht die ganze Sache so wertvoll.\u201d<\/p>\n\n\n\n
Nat\u00fcrlich wollte ich nicht nur \u00fcber den Shikoku Henro reden, sondern selbst einige der Tempel besuchen. Der erste Tempel auf unserer Liste war Ryozenji<\/strong> (\u970a\u5c71\u5bfa), Tempel Nr. 1 auf dem Pilgerweg<\/a><\/strong>. Kukai soll hier 21 Tage lang religi\u00f6se \u00dcbungen vollzogen haben. Weil dieser Tempel von Koyasan aus gesehen, der am n\u00e4chsten gelegene Tempel auf dem Shikoku Henro ist, beginnen viele Pilger ihre Pilgerwanderung am Ryozenji. Daher kann man hier auch alles bekommen, was man f\u00fcr die Pilgerschaft braucht. Die typische Pilgerkleidung mit dem wei\u00dfen Baumwolloberteil, dem Seggehut, dem Pilgerstab, das Pilgerbuch und die Wagesa, eine Sch\u00e4rpe, die man sich um den Hals legt<\/strong> und die symbolisch f\u00fcr die Robe buddhistischer M\u00f6nche steht. Wer einfach mal ausprobieren m\u00f6chte, wie es sich anf\u00fchlt, in Pilgerkleidung einen Tempel zu besuchen, kann sich diese hier auch ganz einfach ausleihen.<\/p>\n\n\n\n
Wir gingen durch das eindrucksvolle Holztor am Eingang des Tempels und in die Haupthalle, in der unz\u00e4hlige Lampen von der Decke hingen. Ein fantastischer Anblick. Alle diese Lampen wurden von Gl\u00e4ubigen gespendet, in der Hoffnung, damit gute Verdienste anzuh\u00e4ufen. Hier traf ich auch auf die ersten Pilger. Nachdem ich schon so viel \u00fcber den Pilgerweg geh\u00f6rt hatte, war es aufregend, mit eigenen Augen zu sehen, wie sie vor der Halle in der Kukai verehrt wird, beteten und Sutren rezitierten.<\/p>\n\n\n\n
Der Tempel Tairyuji <\/strong>(\u592a\u9f8d\u5bfa) liegt tief in den Bergen von Tokushima<\/strong>, umgeben von uralten Zedern und Zypressen. Wegen seiner Lage galt er lange als einer der eher schwierig zu erreichenden Tempel. Das \u00e4nderte sich erst 1992, als eine Seilbahn errichtet wurde, um den Besuch zu erleichtern<\/a>. Nachdem man mit der Seilbahn \u00fcber den ersten Berg gekommen ist, schwebt man \u00fcber ein gr\u00fcnes Tal bis zu dem n\u00e4chsten Gipfel, auf dem sich Tairyuji befindet. Anders als Ryozenji, der sich in einer l\u00e4ndlichen Wohngegend befindet, ist man hier mitten in der Natur, mit fantastischen Ausblicken auf die umgebenden Berge. Bevor er nach China reiste, um die esoterischen Lehren zu empfangen, soll sich Kukai hier einem hundertt\u00e4gigen Training unterzogen haben, bei dem er auf einem Felsvorsprung sa\u00df und das Mantra des Bodhisattva Kokuzo (\u865a\u7a7a\u8535\u83e9\u85a9) rezitierte. In den hundert Tagen des Trainings hat er das Mantra unglaubliche eine Millionen Mal rezitiert und soll dadurch ein \u00fcbermenschliches Ged\u00e4chtnis bekommen haben. Eine praktische F\u00e4higkeit, wenn man in ein weit entferntes Land reist, um neue Lehren nach Japan zu bringen. Die h\u00e4tte ich w\u00e4hrend meines Studiums auch gut gebrauchen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n
Etwa f\u00fcnfzehn Minuten zu Fu\u00df von der Haupthalle entfernt, findet man auf einem Felsvorsprung eine Statue von Kukai, so als w\u00fcrde er bis heute dort sitzen und Mantras rezitieren. Die Statue ist einige Meter entfernt vom Weg, aber ich konnte sehen, dass in den schroffen Fels eine Kette befestigt war. Um bis zu der Statue zu kommen, muss man n\u00e4mlich ein wenig kletterfreudig sein. Wer es jedoch wagt, bis zu der Statue zu kraxeln, der wird mit einer atemberaubenden Aussicht belohnt. Von dem Felsen konnte ich kilometerweit \u00fcber das Gebirge blicken und sogar bis zur \u00fcber 17 km entfernten Seto-Inlandsee schauen. Als es langsam Abend wurde, nahmen wir die Seilbahn zur\u00fcck. W\u00e4hrend wir wieder \u00fcber dem Tal schwebten, ging die Sonne hinter den Bergen unter. <\/p>\n\n\n\n
Es war ein wundersch\u00f6ner Sonnenuntergang, den ich so schnell nicht vergessen werde.<\/p>\n\n\n\n
Wir verbrachten die Nacht im Shin-iya Onsen Hotel Kazurabashi im Iya-Tal<\/strong> und fuhren am n\u00e4chsten Tag weiter in die Stadt Zentsuji in der Pr\u00e4fektur Kagawa. Die Stadt ist benannt nach dem Tempel Zentsuji<\/strong> (\u5584\u901a\u5bfa), der unser n\u00e4chstes Ziel war. Hier soll Kukai geboren worden sein und sp\u00e4ter den Tempel selbst gegr\u00fcndet haben.<\/strong> Dementsprechend bedeutend ist dieser Tempel f\u00fcr die Anh\u00e4nger Kukais, was sich alleine schon an der eindrucksvollen Gr\u00f6\u00dfe des Tempelgel\u00e4ndes erkennen l\u00e4sst. Im \u00f6stlichen Teil befindet sich eine f\u00fcnfst\u00f6ckige Pagode und die Haupthalle des Tempels, die im 17. Jahrhundert erbaut wurde. Noch beeindruckender als das Geb\u00e4ude selbst fand ich allerdings die riesige Buddha-Statue im Inneren. Wie andere Buddha-Statuen auch war sie so gemacht, dass ihr Blick leicht nach unten gerichtet ist und den Betrachter direkt ansieht. Es ist mit Worten kaum zu beschreiben, aber der K\u00fcnstler hat es geschafft, dass mich der g\u00fctige Blick dieses Buddha im Innersten bewegte. F\u00fcr mich ist es gerade das, was sakrale Kunst ausmacht, uns auf eine Art zu ber\u00fchren, wie es doktrin\u00e4re Texte nicht verm\u00f6gen.<\/p>\n\n\n\n
Im westlichen Teil des Tempels steht die Miedo Halle, in der Kukai verehrt wird. Innerhalb der Halle f\u00fchren Treppen hinunter in einen Gang, der einen direkt unter die Stelle f\u00fchrt, an der Kukai geboren sein soll. Der Gang ist komplett dunkel, sodass man mit einer Hand an der Wand entlang f\u00fchlen muss, um den Weg zu finden. Die Dunkelheit soll den Besucher zur inneren Einkehr einladen, allerdings habe ich mich mehr darauf konzentriert, der Person vor mir nicht in die Hacken zu treten. Nichtsdestotrotz war es ein eindr\u00fcckliches Erlebnis. In der N\u00e4he des Zentsuji gibt es auch die M\u00f6glichkeit, in einem der kleineren Tempel zu \u00fcbernachten, was sich besonders anbietet, wenn man die morgendliche Andacht besuchen m\u00f6chte, um zusammen mit den Pilgern und Menschen aus der Nachbarschaft den buddhistischen Ges\u00e4ngen der M\u00f6nche zu lauschen.<\/p>\n\n\n\n
Eine \u00dcbernachtung in einem Tempel lohnt sich alleine schon f\u00fcr das aufwendig angerichtete Shojin Ryori<\/em><\/strong> (\u7cbe\u9032\u6599\u7406). Bei der Zubereitung wird dabei denselben Regeln gefolgt, wie bei der Zubereitung der Speisen f\u00fcr die M\u00f6nche. Das hei\u00dft, dass nicht nur auf tierische Lebensmittel verzichtet wird, sondern auch auf stark riechende Pflanzen wie Knoblauch oder Zwiebeln,<\/strong> da diese zu sehr die Sinne anregen und den M\u00f6nchen damit das Meditieren erschweren k\u00f6nnten.<\/p>\n\n\n\n
Das Le Paysan<\/strong>, in der N\u00e4he des Zentsuji, bietet moderne Fusionsk\u00fcche, indem es die traditionellen Regeln f\u00fcr die Zubereitung von Shojin Ryori <\/em>mit franz\u00f6sischer Kochkunst vereint. <\/strong>Das stellt den Koch nat\u00fcrlich vor einige Herausforderungen. Der Chefkoch des Le Paysan hat jahrzehntelang herum experimentiert, bis er mit seinen Kreationen zufrieden war. \u201cF\u00fcr die Torte, die es zum Nachtisch gibt, habe ich zehn Jahre gebraucht, um sie so hinzubekommen. Es sind weder Ei noch Milch enthalten,\u201d erz\u00e4hlte er uns. Das mehrg\u00e4ngige Men\u00fc war ein wahres Fest. Die S\u00fc\u00dfkartoffelsuppe war wunderbar cremig und die herzhafte So\u00dfe am Tofugeschnetzelten fein abgeschmeckt. Und als ich die Torte a\u00df, dachte ich einfach nur, dass sich die 10-Jahre-Arbeit, die er in diese s\u00fc\u00dfe K\u00f6stlichkeit gesteckt hatte, wahrlich gelohnt haben.<\/p>\n\n\n\n
Ganz in der N\u00e4he des Zentsuji befindet sich der Tempel Koyamaji<\/strong> (\u7532\u5c71\u5bfa). In der Gegend um den Koyamaji soll Kukai bereits als Kind gespielt und aus Matsch kleine Buddha-Statuen geformt haben. Als er Jahre sp\u00e4ter wieder hierher kam, um einen Ort f\u00fcr einen neuen Tempel zu suchen, kam ein alter Mann aus einer H\u00f6hle zu ihm und riet ihm, den Tempel an dieser Stelle zu errichten. Nachdem Kukai kurze Zeit sp\u00e4ter im Auftrag des Kaisers ein Wasserreservoir in der Gegend angelegt hatte, baute er Koyamaji, um die erfolgreiche Fertigstellung des Projekts zu feiern.<\/p>\n\n\n\n
Von au\u00dfen sticht der Koyamaji nicht sonderlich zwischen den anderen Tempeln des Shikoku Henro hervor, aber wir kamen hierher, um an einer besonderen Meditationserfahrung teilzunehmen. Der Abt des Tempels begr\u00fc\u00dfte uns und zeigte uns stolz die kunstvollen Wandmalereien in einem der Tempelgeb\u00e4ude. Er hatte sie bei dem bekannten K\u00fcnstler Okamoto Kohei<\/a> in Auftrag gegeben. Die Malereien stellen die chinesischen Schriftzeichen des Herz-Sutras in Form eines Mandala dar. Aber anders als die Werke der klassischen japanischen Kalligrafie, die ich gewohnt war, sieht Okamotos Werk aus wie moderne Kunst. Die mit einem breiten Pinsel gezeichneten Striche gehen in unregelm\u00e4\u00dfige Wellen \u00fcber, die an aufsteigenden Rauch erinnern. Goldene und silberfarbene Kleckse sind auf der ganzen Wand verteilt und erschaffen eine kunstvolle Unordnung.<\/p>\n\n\n\n