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Valentinstag und White Day in Japan

FEATURED Kultur Valentinstag
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Jedes Jahr im Februar und März finden Valentinstag und White Day in Japan statt. Während der Valentinstag international bekannt ist, stellt der White Day eine Besonderheit in Japan dar. Denn in dem Land der aufgehenden Sonne folgt man einem eigenen Rhythmus und klaren sozialen Bedeutungen. Statt eines einzelnen romantischen Ereignisses handelt es sich um zwei aufeinander bezogene Tage, an denen Schenken, Gegenseitigkeit und soziale Rollen sichtbar werden.

Für Reisende wirken diese Traditionen zunächst ungewohnt. Der 14. Februar ist in Japan zwar ein Tag, an dem Liebe gezeigt und Gefühle bekannt werden, zugleich ist er aber auch Teil eines kulturellen Systems, das über romantische Beziehungen hinausgeht. Valentinstag und White Day sind damit vor allem Liebesfeste, zeigen jedoch ebenso, wie Beziehungen gesellschaftlich eingeordnet und kommuniziert werden.

Valentinstag in Japan und die Rolle der Schokolade

Am Valentinstag schenken in Japan traditionell Frauen Schokolade an Männer in ihrem Umfeld. Dabei richtet sich das Geschenk nicht nur an Partner, sondern auch an Kollegen, Vorgesetzte oder enge Freunde. Entscheidend ist nicht die Schokolade an sich, sondern ihre Bedeutung.

Besonders verbreitet ist die sogenannte Pflichtschokolade giri-choco; 義理チョコ. Sie steht für Höflichkeit und soziale Rücksichtnahme und ist fest im Arbeitsalltag verankert. Daneben gibt es die Liebesschokolade honmei-choco, 本命チョコ, die einer geliebten Person gilt und meist hochwertiger oder selbstgemacht ist. Ergänzt wird dieses System durch Freundschaftsschokolade tomo-choco, 友チョコ, sowie durch Schokolade jibun-choco, 自分チョコ, die man sich selbst schenkt.

In den Wochen vor dem Valentinstag verwandeln sich Kaufhäuser in große Schokoladenflächen. Internationale Marken und japanische Manufakturen präsentieren limitierte Produkte, oft mit aufwendiger Gestaltung. Der Fokus liegt dabei sowohl auf Auswahl und Qualität, aber auch auf romantischer Inszenierung.

Wenn Regeln im Alltag flexibel werden

Trotz dieser klaren Kategorien zeigt der Alltag, dass die Traditionen nicht strikt eingehalten werden müssen. Gerade in persönlichen Beziehungen werden sie oft angepasst. Es kommt vor, dass Männer bereits am Valentinstag selbst ein Geschenk überreichen, etwa Blumen oder ein kleines Präsent, während die Frau bei der klassischen Schokolade bleibt.

In solchen Fällen verliert der White Day häufig an Bedeutung oder fällt ganz weg. Das Gegenseitige findet bereits am 14. Februar statt, sodass der formale Ablauf nicht weitergeführt wird. Diese Praxis zeigt, dass Valentinstag und White Day zwar einen Rahmen bieten, aber Raum für individuelle Entscheidungen lassen.

White Day als Antwort im März

Der White Day am 14. März entstand in den 1970er-Jahren und ist heute fest im japanischen Jahreskalender verankert. Traditionell reagieren Männer an diesem Tag auf die Geschenke, die sie am Valentinstag erhalten haben. Wenn sie das Gefühl erwidern.

Dabei spielt Gegenseitigkeit eine wichtige Rolle. Häufig wird erwartet, dass das Gegengeschenk mindestens gleichwertig ist. Diese Vorstellung wird oft mit dem Ausdruck sanbai gaeshi 三倍返し verbunden, der sinngemäß für eine großzügige Rückgabe steht. In der Praxis geht es weniger um den Preis als um sichtbare Wertschätzung.

Typische White-Day-Geschenke sind Süßigkeiten wie Marshmallows oder Kekse, aber auch Schmuck, kleine Accessoires oder Kosmetik. Häufig wird der Tag zudem genutzt, um gemeinsam auszugehen oder ein Date zu planen. Welche Form das Geschenk annimmt, hängt erneut von der Beziehung ab.

Geschenkverpackungen zum Valentinstag
Fotos: Yvonne Tanaka

Neben materiellen Geschenken spielt auch das gemeinsame Erleben eine wichtige Rolle. Viele Paare nutzen den White Day, um Zeit miteinander zu verbringen, etwa bei einem Restaurantbesuch, einem Ausflug oder einem klassischen Date. Beliebt sind auch Orte, die in Japan als romantisch gelten, darunter Freizeitparks wie Tokyo Disneyland oder Tokyo DisneySea, die hier weniger als Familienziele, sondern vielmehr als typische Dating-Spots wahrgenommen werden.

Wandel und neue Interpretationen

In den letzten Jahren verändern sich diese Traditionen spürbar. Viele jüngere Menschen verzichten bewusst auf Pflichtschokolade oder beschränken sich auf ausgewählte Personen. Auch Männer beteiligen sich häufiger aktiv am Valentinstag selbst, während der White Day zunehmend an Bedeutung verliert oder individuell interpretiert wird.

Zugleich prägen Werbung und Popkultur, etwa in Fernsehserien, Manga oder sozialen Medien, die Vorstellung davon, wie diese Tage gestaltet werden können (etwa durch romantische Filmszenen, Serien oder Songs wie Your Name, First Love oder Lemon). Der White Day gilt dabei häufig als Moment, in dem eine Beziehung eine klarere Richtung erhält, ob als bestätigende Antwort auf ein Geschenk oder als stilles Ausbleiben derselben. Gleichzeitig entscheiden sich manche Paare bewusst dafür, beide Tage zu ignorieren oder individuell umzudeuten, um sich dem sozialen Erwartungsdruck zu entziehen.

Valentinstag und White Day in Japan sind romantische Feste, die zugleich stark sozial gerahmt sind. Sie zeigen, wie Schenken genutzt wird, um Zuneigung auszudrücken, aber auch, um Beziehungen einzuordnen und Erwartungen auszubalancieren. Zwischen festen Begriffen wie giri-choco 義理チョコ und persönlichen Gesten, etwa einer Verpackung mit einem schlichten Suki da yo 好きだよ („Ich mag dich“ / „Ich habe dich gern“) , wird deutlich, dass diese Traditionen nicht starr sind, sondern sich mit den Menschen verändern, die sie leben.

Titelfoto: Wouter Supardi Salari

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Vanessa Aura

Autorin und Kulturbeobachterin, lebt seit 2023 in Japan. Ich erkunde auch die weniger bekannten Facetten des Landes – von Alltagsleben und Arbeitskultur über regionale Traditionen und moderne Gesellschaft bis hin zu Reisetipps. Als alleinlebende Angestellte erlebe ich Japan aus erster Hand und gewinne so authentische Einblicke in seine Menschen und Strukturen. BA in Wirtschaft und Politik Ostasiens (Schwerpunkt: Japan) und Kunstgeschichte/Archäologie; MA in International Political Economy of East Asia (Schwerpunkt: Japan) und Literatur/Archäologie.

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