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Eine Flagge repräsentiert alles, wofür eine Nation steht: Ideale, Kultur, Geschichte und die Menschen selbst. All diese Elemente sind unter einem Banner vereint und bilden eine nationale Einheit. Als Land mit einer Geschichte, die so reich ist wie die Traditionen, die es seit Jahrhunderten weiterführt, haben Japan und die japanische Flagge eine einzigartige Geschichte zu erzählen, von glänzenden Errungenschaften bis zu den dunkleren Kapiteln ihrer Geschichte. In diesem Artikel werfen wir einen tieferen Blick auf die japanische Geschichte selbst und darauf, wie diese Geschichte die ikonische Flagge geprägt hat, die wir heute kennen und lieben.

Eine japanische Flagge in der Nähe des Berges Fuji. ⎪ Foto von Steven Diaz

Die Antike und mittelalterliche Anfänge

Die japanische Flagge, die wir heute alle kennen, wird allgemein als Hinomaru (日の丸, was wörtlich „Sonnenkreis“ bedeutet) oder mit ihrem offiziellen Namen Nisshōki (日章旗, „Flagge der Sonne“) bezeichnet. Ihr einfaches und dennoch effektives Design macht sie auf der ganzen Welt erkennbar, der unverwechselbare rote Kreis in der Mitte des weißen Rechtecks. Obwohl wir dieses Flaggendesign sofort mit Japan in Verbindung bringen, wird es erst seit rund 150 Jahren offiziell verwendet. Um seine Ursprünge zu entdecken, gehen wir noch weiter zurück in die Geschichte, um zu sehen, was die moderne japanische Flagge und das Land, das sie repräsentiert, geprägt hat.

Entwürfe, die der heutigen japanischen Flagge vage ähneln, stammen aus dem 8. Jahrhundert, als Kaiser Monmu seinen Zeremoniensaal mit einer neu gestalteten Flagge dekorierte. Das Design der Nissho (日章, „die Flagge mit der goldenen Sonne“), die er 701 (erstes Jahr der Taihō-Ära) für die Neujahrsfeierlichkeiten kreierte, soll noch die ursprüngliche Hinomaru (日の丸) darstellen. Auch wenn es unklar ist, ob diese Flagge die Inspiration für spätere oder moderne Designs war. Ein Bindeglied zwischen späteren Interpretationen der Hinomaru und der mysteriösen Nissho ist das Symbol der Sonne, die seit der Antike in der japanischen Mythologie und religiösen Praxis verankert ist.

Die nächste Instanz eines, der Hinomaru ähnlichen, Entwurfs wurde nach einer Theroie im Genpei-Krieg (源平合戦) entdeckt, der zwischen 1180 und 1185 wütete. Dieser Krieg markierte das Ende der Heian-Zeit (794-1185) und das Ende der letzten Phase der klassischen japanischen Geschichte. Die Ära endete blutig, als zwei gegnerische Clans, der Taira- und der Minamoto-Clan, um die Kontrolle über Japan kämpften. Die Taira, die während der Heian-Zeit die japanische Politik dominiert hatten, führten unter einer roten Fahne mit goldenen und silbernen Mondkreisen Krieg gegen die Minamoto. Diese Flagge, genannt Nishiki no Mihata (錦の御旗 „ehrenwerte Brokatflagge“), war während der Heian-Zeit auch das Symbol des kaiserlichen Hofes. Die Minamoto wählten im Gegensatz zu den Taira und ihrer Flagge, eine rein weiße Flagge. Der Krieg endete schließlich damit, dass die Minamoto die Kontrolle über Japan übernahmen und das Kamakura-Shogunat gründeten. Später in der Geschichte verwendeten die nachfolgenden Shogune von Genji, dem Anführer der Minamoto, die Flagge von Shirachikamaru (白地赤丸, „roter Kreis auf weißem Hintergrund“) als Symbol der nationalen Einheit. Diese Flagge ist eine Kombination aus den Schlachtflaggen der Minamoto und der Taira und gilt als Ursprung des Hinomaru-Designs.

Darstellung einer Schlacht zwischen Minamoto und Taira von Utagawa Kuniyoshi, 1839 – 1841 ⎪ Credit: ukiyo-e.org

Später, als Japan während der Zeit der Streitenden Reiche eine neue Welle von Unruhen erlebte (戦国時代, Sengoku Jidai, 1467-1615), wurde die Sonne als Symbol von den kriegsführenden Daimyō, den mächtigen Feudalherren der damaligen Zeit, neu interpretiert. Einige von ihnen verwendeten das Hinomaru-Design als ihr Uma-jirushi (馬印, Pferdeabzeichen), eine riesige Flagge, die den Daimyō oder eine ebenso wichtige militärische Person auf dem Schlachtfeld identifizierte. Zusätzlich zu Rot auf Weiß wurde das Hinomaru-Design auch als Gold-auf-Blau-Variante hergestellt, wie ganz links im unteren Bild zu sehen ist.

Japanische Flagge mit dem Hinomaru-Design.
Uma-jirushi mit dem Hinomaru-Design ⎪ Credit: Wikipedia

Im selben Zeitraum setzte die Flotte von Kuki Yoshitaka, einem Marinekommandeur unter Oda Nobunaga, die Hinomaru auch für seine Kriegsschiffe ein. Das Bild unten zeigt Yoshitakas Flotte mit dem größten zeitgenössischen Kriegsschiff, der Atakebune (安宅船 / 阿武船), die unter der Hinomaru in die Schlacht zog.

Kuki Yoshikatas Schiffsflotte.
Kuki Yoshitakas Flotte im Jahr 1593 ⎪ Credit: Wikipedia

Die Sengoku-Zeit endete mit einem geeinten Japan und markierte den Beginn der neuen Edo-Zeit (江戸時代, Edo Jidai, 1603-1868). Das Tokugawa-Shogunat öffnete widerstrebend Handelswege zu einer Reihe ausgewählter Nationen wie Holland, China, den USA und Russland. Um sich von ausländischen Schiffen abzuheben, befahl der Shogun japanischen Handelsschiffen, die Hinomaru-Flagge zu setzen. Dies war das erste Mal, dass die Hinomaru offiziell verwendet wurde, um Japan gegenüber dem Rest der Welt zu vertreten.

Die moderne Geschichte

Obwohl Japan während der Meiji-Restauration (明治維新, Meiji ishin) modernisiert wurde, schien die Idee einer Nationalflagge den Japanern immer noch eher fremd zu sein. Schließlich war Japan zum ersten Mal in seiner Geschichte eine Nation. Und genau wie die Daimyō die Hinomaru bereits benutzt hatten, um sich auf mittelalterlichen Schlachtfeldern zu identifizieren, musste sich Japan jetzt in der Welt als neue, aufstrebende Macht mit einer eigenen Flagge identifizieren. Da die Hinomaru in der späten Edo-Zeit auf Handelsschiffen eingesetzt worden war, hatte sie bereits internationale Anerkennung gefunden. Darüber hinaus, mit ihren Wurzeln, die tief in die japanische Mythologie und Geschichte reichten, beschloss die Meiji-Regierung, dass das Hinomaru-Design Japans offizielle Nationalflagge werden würde – als Symbol für die bevorstehende neue Ära und als Repräsentation dessen, worauf das Land aufgebaut wurde. Neben dem Hinomaru wurden auch die Nationalhymne Kimi ga yo (君が代) und das kaiserliche Siegel zu offiziellen Symbolen des Staates. Die Flagge wurde erstmals im Jahr 1870 auf dem Gelände von Regierungsgebäuden gehisst, während der Gregorianische Kalender 1873 eingeführt wurde.

Die japanische Flagge bei der Eröffnung der Tokyo Daiichi Universität.
Eröffnung der Tokyo Daiichi Universität von Utagawa Kuniteru, 1888 ⎪ Credit: ukiyo-e.org

Mit dem Aufstieg des japanischen Nationalismus gewann die Hinomaru auch an Repräsentation und Bedeutung. Nach dem Sieg Japans im russisch-japanischen und im ersten chinesisch-japanischen Krieg, war die Flagge bei Kriegsfeiern und -veranstaltungen stets präsent und trug zu einer nationalistischen Stimmung der Öffentlichkeit bei. Lehrbücher zeigten die Flagge zusammen mit patriotischen Parolen und lehrten Kinder die Tugenden, ein „guter Japaner“ zu sein. Während des Zweiten Weltkriegs wurde die Flagge, in von Japan besetzten Gebieten wie in Manchukoku und den Philippinen, zum Symbol des Imperialismus. Und obwohl lokale Flaggen noch erlaubt waren, mussten Schulkinder während der Morgenzeremonie die japanische Nationalhymne singen, während eine japanische Flagge gehisst wurde.

Ein Flaggenhändler.
Flaggenhändler von Wada Sanzo, 1940 ⎪ Credit: ukiyo-e.org

Nach der Niederlage Japans im Zweitens Weltkrieg und der anschließenden Besetzung durch US-Streitkräfte, wurden strenge Regeln für patriotische Symbole wie die Hinomaru angewandt. Um die Flagge zu hissen, musste zuerst die Erlaubnis des US-Militärkommandos erteilt werden. Mit dem Inkrafttreten der Nachkriegsverfassung Japans im Jahr 1947, wurden mehrere Beschränkungen der Flagge aufgehoben. Zwei Jahre später wurden sämtliche Beschränkungen aufgehoben und jeder konnte die Flagge ohne Erlaubnis hissen oder zeigen.

Aufgrund der Rolle Japans während des Zweiten Weltkriegs wurde die Hinomaru oft mit der militaristischen Vergangenheit des Landes in Verbindung gebracht. Aus diesem Grund hat die öffentliche Darstellung der Flagge seit Kriegsende abgenommen, da Japan seitdem eine pazifistische Haltung einnimmt. Als 1999 das Gesetz über die Nationalflagge und die Nationalhymne verabschiedet wurde, wurden die Hinomaru-Flagge und Kimi ga yo (Japans Nationalhymne) als offizielle Symbole Japans wiedereingesetzt. Zuvor waren sie lediglich de facto Symbole, die in der Gesetzgebung nicht als offizielle Staatsflagge und Nationalhymne angegeben waren.

Die Hinomaru zwischen Kirschblüten.
Der Hinomaru zwischen Kirschblüten gehisst zwischen Kirschblüten. ⎪ Foto von Aibolat Sresource

Das Flaggendesign

Frühere Entwürfe und Interpretationen der Flagge waren immer von den mythologischen Wurzeln Japans inspiriert – genauer gesagt von der Sonne. Sie spielt eine wesentliche Rolle in der Shintō-Religion, da der Kaiser ein direkter Nachkomme der Sonnengöttin Amaterasu sein soll. Japans Spitzname, „Land der aufgehenden Sonne“, wird ebenfalls bereits seit dem 7. Jahrhundert verwendet. Daher ist es keine Überraschung, dass die Sonne ausgewählt wurde, um die japanische Nationalflagge zu zieren, die das Land der aufgehenden Sonne perfekt darstellt.

Die Farben, Formen und Proportionen der Hinomaru sind genau spezifiziert. Die „Sonne“ in der Mitte besitzt eine Farbe namens Beni Iro (紅色), die an einen purpurroten Sonnenuntergang erinnern soll, den man in Japan erleben kann. Der Durchmesser der Sonne beträgt 3/5 der Gesamthöhe der Flagge und befindet sich genau in der Mitte. Der Hintergrund ist schlicht und dennoch reinweiß. Die Flagge als Ganzes erinnert an die Dominanz von Rot und Weiß in den Shintō-Schreinen und strahlt dieselbe friedliche Aura aus.

Das minimalistische und dennoch starke Design der Flagge zeichnet sie international aus. ⎪ Foto von Jason Leung

Die Flagge der aufgehenden Sonne

Neben der Hinomaru gibt es eine weitere Flagge, die oft mit Japan oder vielmehr seiner Militärgeschichte in Verbindung gebracht wird. Die Flagge der aufgehenden Sonne (旭日旗, Kyokujitsu-ki) hat für verschiedene Menschen unterschiedliche Bedeutungen, steht jedoch häufig im Mittelpunkt von Kontroversen. Die Flagge basiert auf dem gleichen Design wie die Hinomaru mit zusätzlichen Sonnenstrahlen in der Mitte. Seine Ursprünge lassen sich auf feudale Kriegsherren zurückführen, die die Flagge während der Edo-Zeit verwendeten. Nach der Meiji-Restauration fand sie einen neuen Zweck als offizielle Kriegsflagge für die japanische kaiserliche Armee. Kurz darauf wurde sie auch als Marineflagge für die kaiserliche Marine übernommen. Da die Flagge auch Glück repräsentiert, war und ist sie auf einigen kommerziellen Produkten zu sehen, beispielsweise auf dem Originallogo der Asahi-Zeitung. Sie wird auch noch heute von der Japan Maritime Self-Defense Force verwendet, obwohl sie seit dem Zweiten Weltkrieg leicht modifiziert wurde. Eine alternative Version wird auch von den japanischen Selbstverteidigungskräften und den japanischen Bodenselbstverteidigungskräften verwendet.

Aufgrund der imperialistischen Vergangenheit Japans gilt die Flagge in Ostasien als beleidigend, insbesondere in Südkorea und China. Die Flagge steht in direktem Zusammenhang mit der Besetzung der Länder durch Japan, wie sie auch während dieser Zeit verwendet wurde.

Besatzung und Flagge der Japan Maritime Self-Defense Force ⎪ Credit: Wikipedia

Die Verwendung der Flagge heutzutage

Heutzutage kann die Hinomaru hauptsächlich während offizieller Zeremonien und an Nationalfeiertagen entdeckt werden. Natürlich wird sie ebenfalls gehisst, wenn Staatsgäste aus dem Ausland, wie Minister und Präsidenten, begrüßt werden. Im Alltag wird die Flagge normalerweise nur vor Regierungsgebäuden wie Rathäusern oder Ministerien gehisst. Im Gegensatz dazu werden sie selten an privaten Gebäuden gesehen, obwohl einige Leute und Unternehmen die Flagge gerne an Feiertagen zeigen. Wie in vielen Ländern üblich, wird die Flagge in Zeiten nationaler Trauer nur auf Halbmast (半旗, Han-ki) gesetzt, wie an dem Tag, als der Showa-Kaiser 1989 verstarb.

Verwurzelt in den Legenden und in der Geschichte, besitzt die japanische Flagge ein Design, das den Geist der Herkunft Japans und seiner Zukunft widerspiegelt. Sie besitzt ein Design, das auf der ganzen Welt sofort erkannt wird und trotz seiner manchmal dunklen Geschichte, zum Symbol des Friedens geworden ist.

Übersetzung von Yvonne.

Luca Denser

Luca Denser

Hi! My name is Luca. I'm originally from Germany, but I've called Japan my home since March 2019. I live in the Kansai Region and get the most out of it by exploring cities like Osaka and Kyoto as often as I can. This of course also includes taking pictures, my most active hobby.

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