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Kagawa ist die kleinste Präfektur Japans und liegt im nordwestlichen Teil von Shikoku, einer der vier Hauptinseln Japans. Trotzdem braucht sich die Präfektur nicht zu verstecken, wenn es um Geschichte, Kultur oder Kulinarik geht, ganz im Gegenteil. 

Aufstieg zum Schrein Kotohiragu

Mein erstes Ziel in Kagawa war der Schrein Kotohiragu (金刀比羅宮), auch bekannt als Konpirasan, der im westlichen Teil der Präfektur liegt und einer der bedeutendsten Shinto-Schreine des Landes ist. Die Kami Gottheit, die hier zusammen mit dem Geist des Kaisers Sutoku verehrt wird, ist ein Schutzgott der Seefahrt, weshalb auch an Bord vieler japanischer Schiffe ein Amulett eben dieses Schreins zu finden ist.

Haupthalle des Kotohiragu
Die Haupthalle des Kotohiragu. Foto: Kotohiragu

Obwohl es sich beim Kotohiragu um einen Shinto-Schrein handelt, wurde hier lange Zeit eine Mischung aus Shinto und dem im 6. Jahrhundert aus Korea und China eingeführten Buddhismus gepflegt, wovon auch noch einer der alten Namen des Schreins zeugt, Konpira Daigongen (金比羅大権現). Gongen ist nämlich eine Bezeichnung für göttliche Manifestationen eines Buddhas. Während einer kurzen Phase anti-buddhistischer Animositäten seitens der neu geformten imperialen Regierung Ende des 19. Jahrhunderts wurden alle Gongen-Schreine umbenannt und buddhistische Symbole wurden aus ihnen entfernt. Trotzdem findet man immer noch buddhistische Statuen und Malereien in dem Museum des Kotohiragu.

Die 785 Treppenstufen führen hinauf zur Haupthalle des Schreins, der auf halbem Wege zur Spitze des Berges Zozu liegt. Bis zum innersten Heiligtum sind es sogar 1.368 Stufen. Eine gewisse Grundfitness ist also gefragt, wenn man bis ganz nach oben aufsteigen möchte, aber wenn man ein bisschen Zeit mitbringt und und genügend Pausen einlegt, sollte der Aufstieg für die meisten Menschen problemlos möglich sein.

Von einer kleinen Einkaufsstraße am Fuße des Berges, in der sich auch ein Sake-Museum befindet, führen die ersten Stufen vorbei an Souvenirläden, Restaurants und kleineren Geschäften. Nach einiger Zeit erreichte ich das große hölzerne Omon-Tor. Nicht wenige meinen hier bereits den Schrein erreicht zu haben, aber in Wirklichkeit ist es nur eine der ersten Etappen des Aufstiegs. Hinter dem Tor sah ich einige Frauen unter weißen Sonnenschirmen sitzen, die dort eine lokale Spezialität verkauften. Eine aus Bonbonmasse hergestellte Süßigkeit, die zu einer flachen Scheibe geformt ist. Die Leute, die diese Süßigkeit hier kaufen, bringen sie mit nach Hause und hauen sie mit einem Hammer in mehrere Teile, um so mit anderen die Segenskraft des Schreins zu teilen. Im Gespräch mit einer der Frauen erfuhr ich, dass es seit der Edo-Zeit nur fünf Familien gestattet ist, diese Süßigkeit hier zu verkaufen und die anwesenden Frauen dies bereits in der 25. Generation taten. Dass sie dabei, wie an diesem Tag alle fünf gleichzeitig ihr Verkaufstischchen hier aufgebaut haben, käme allerdings nur sehr selten vor.

Hölzernes Schrein-Tor in Kagawa, Shikoku, Japan.
Seit 25 Generationen ist es nur fünf Familien gestattet, hier ihre Verkaufsstände aufzubauen.

Ich setzte die Erklimmung der unzähligen Stufen fort, durch steinerne Torii-Tore und vorbei an dem Schrein-Museum, bis ich an der Haupthalle ankam. Von hier hat man einen atemberaubenden Ausblick auf die kleine Stadt unter einem und die umliegenden Berge, der allein schon die ganze Anstrengung wert war.

Udon Nudeln selbst gemacht

Wenn es ein Gericht gibt, für das Kagawa in ganz Japan bekannt ist, dann sind es Udon-Nudeln. Diese dicken Weizennudeln mit der elastischen Konsistenz sind aus dem Speiseplan der Menschen von Kagawa nicht wegzudenken. Wegen des geringen Niederschlags ist die Gegend nicht die geeignetste für den Nassreisanbau, weshalb Weizen hier im Vergleich zu anderen Teilen Japans eine größere Rolle spielt. Kein Wunder also, dass Udon-Nudeln sich gerade hier einer solchen Beliebtheit erfreuen. Im Gespräch mit einem Ortsansässigen erfuhr ich, dass dieser mindestens drei Mal pro Woche Udon isst. “Wenn man mit seinen Kollegen zusammen Mittag essen geht, dann fragt man nicht, was sollen wir essen, sondern in welchen Udon-Laden gehen wir,” erzählte er mir. In den über 8 Jahren, die ich jetzt in Japan lebe, habe ich natürlich selbst schon jede Menge Udon-Nudeln verdrückt, sowohl im Restaurant als auch zu Hause, aber ich habe noch nie versucht, sie selbst zu machen. Wenn man sich aber schon mal daran versuchen möchte, wo wäre dann ein besserer Ort als Kagawa? Ich besuchte also einen kurzen Kochkurs an der Nakano Udon Schule. 

Die Nakano Udon Schule in Kagawa.
Der gefaltete Teig wird mit einem Beil in Streifen geschnitten.

Der Teig für die Udon-Nudeln besteht aus Weizenmehl, Salz und Wasser. Nachdem man die Zutaten zusammen geknetet hat, ist der Teig jedoch noch relativ hart und schwer zu verarbeiten. Deswegen packt man ihn eine Tüte und stampft auf ihm rum, um ihn weicher zu machen. Die Kursleiterin, eine echte Kagawa Frohnatur, holte plötzlich einen Tambourin hervor und begann wild auf Musik von Michael Jackson zu tanzen. Das helfe dabei, den Rhythmus beim Stampfen zu behalten, sagte sie. Als ich am morgen aufgestanden war, hätte ich auf jeden Fall nicht gedacht, dass ich an diesem Tag noch auf einem Stück Teig Moonwalken würde. Mit dieser musikalischen Unterstützung gelang es mir dann aber, den Teig zügig durchzuarbeiten. Nach dem Stampfen muss der Teig allerdings ein paar Stunden ruhen, weshalb ich einen bereits vorbereiteten Teig für den nächsten Schritt bekam. Mit einem hölzernen Stab, der als Nudelholz fungierte, rollte ich den Teig aus, faltete ihn zusammen und Schnitt ihn mit einem Beil in Streifen, um schöne lange Nudeln zu bekommen, auch wenn sie bei mir ein bisschen flach geraten waren und daher vom Aussehen eher an Bandnudeln erinnerten.

Das Wichtigste ist aber ja bekanntlich der Geschmack, weshalb ich hoch erfreut war, dass ich meine eigenen Nudeln direkt vor Ort probieren konnte. Nach drei Minuten kochen in den bereitgestellten Töpfen waren sie auch schon zum Verzehr bereit. Man kann sie einfach mit ein bisschen Sojasoße und Frühlingszwiebeln mischen oder in Dashi-Brühe dippen und genüsslich schlürfen, egal wie man es macht, es schmeckt fantastisch.

Kleine Bäume ganz groß

Bonsai zu züchten ist ein Hobby, dass auch in Deutschland viele Freunde hat. Sogar in dem Vorort von Koblenz, in dem ich aufgewachsen bin, gab es einen Bonsai-Garten. Als Jugendlicher habe ich mir dort einmal einen Bonsai gekauft, der jedoch nicht lange überlebte. Ich musste einsehen, dass ich leider nicht mit einem grünen Daumen gesegnet war. Eine gewisse Faszination für diese Kunst hat mich jedoch nie ganz losgelassen.

Bonsai in Kagawa, Shikoku.
Bonsai können mitunter ungewöhnliche Formen annehmen.

Kagawa ist bekannt für seine Bonsai Kultur, also beschloss ich einen Bonsai-Garten zu besuchen. Der Kandaka Fukushoen (神高福松園) befindet sich in einer ruhigen Wohngegend in der Stadt Takamatsu, in der Nähe des Kinashi Bahnhofs. Wenn man nicht genau weiß, wo er sich befindet, ist es leicht, einfach daran vorbei zu laufen. Auf den ersten Blick könnte man die vielen Schätze, die sich hier befinden, glatt übersehen. Einige der Bonsai, um die sich Takeshi-san liebevoll kümmert, sind mehrere Hundert Jahre alt. Der größte Hingucker dieses Gartens ist eine Schwarzkiefer, deren Äste sich kurz über den Boden auf einer Weite von zweieinhalb Metern ausbreiten. Das Alter des Baumes wird auf über 200 Jahre geschätzt. Obwohl die meisten Menschen bei Bonsai vor allem an Miniaturbäume denken, was im Grunde auch richtig ist, definiert sich ein Bonsai vor allem dadurch, dass er eingetopft ist. Wenn der Bonsai Meister es so möchte, können sie sie also, wie in diesem Fall, eine beachtliche Größe haben. Für das Umpflanzen dieses gigantischen Bonsai, was alle fünf Jahre geschieht, muss extra ein Kran kommen. 

Der Bonsai Garten Kandaka Fukushoen in Takamatsu.
Der Bonsai Garten Kandaka Fukushoen liegt mitten in einer ruhigen Nachbarschaft.

Der Garten ist aber vor allem ein Ort, an dem sich Bonsai-Enthusiasten ein neues Schmuckstück zulegen können. Man findet hier also die ganze Bandbreite von jungen Bäumchen für ein paar Tausend Yen bis zu teuren Meisterwerken, in denen ein Paar Jahrzehnte Arbeit stecken. Aber selbst bei diesen gibt es noch immer etwas zu tun, denn Bonsai sind Kunstwerke, die nie vollendet sind.

Japanische Gartenkunst im Ritsurin Garten

Bei der ausgeprägten Bonsai-Kultur, die sich in Kagawa findet, ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass sich einer von Japans schönsten Gärten hier befindet. Der weitläufige Ritsurin Garten wurde vor fast 400 Jahren für den lokalen Feudalherren angelegt. Ausgezeichnet mit drei Sternen im Michelin Green Guide Japan, ist er heute als wichtiges Kulturgut anerkannt.

Ritsurin Garten in Kagawa, Japan.
Der Berg Shiun bildet den Hintergrund für die malerische Kulisse.

Sechs Teiche und 13 angelegte Hügel bilden eine einzigartige Gartenlandschaft, die sich vor der grünen Kulisse des Berges Shiun ausbreitet.

Boot auf dem Nanko-Teich
Der Nanko-Teich kann auch mit einem traditionellen Boot befahren werden.

Etwa eintausend bis zur höchsten Perfektion zurecht getrimmte Kiefern findet man hier. Aber auch verschiedene saisonale Blumen zieren den Garten, sodass sich die Landschaft im Laufe der Jahreszeiten verändert.

Anfahrt

Von Tokio, Kyoto, Osaka oder Hiroshima aus kann man mit dem Tokaido Shinkansen bis zum Bahnhof Okayama fahren. Von dort nimmt man entweder den Limited Express auf der JR Seto-Ohashi-Linie zum Bahnhof Kotohira oder den JR Marine Liner zum Bahnhof Takamatsu.

Kagawa ist von Okayama aus einfach zu erreichen und doch abseits genug von der vielbereisten “Goldenen Route” zwischen Tokio und Hiroshima, um den Touristenmassen aus dem Weg zu gehen. Besonders die Liebhaber von japanischen Gärten sollten einen Besuch in Kagawa nicht verpassen.

Gesponsert von Shikoku District Transport Bureau, der Präfektur Tokushima, Kagawa Prefecture Tourism Association und Wakayama Tourism Bureau.

Thomas Siebert

Thomas Siebert

Als ich das erste Mal eine Kampfkunsthalle betrat, hatte ich keine Ahnung, dass mich das einmal zum Studium der Japanologie und Buddhismuskunde führen würde. In 2015 zog ich dann von Koblenz nach Kyoto, um meine Studien des Buddhismus zu vertiefen und meine Liebe für Japan mit anderen zu teilen. Jetzt lebe ich in Sendai, wo ich weiterhin meiner Leidenschaft für traditionelle japanische Kultur folgen darf.

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